Das Yogawort zum Sonntag – Mutation

Früher war alles besser.

Was ist das nur mit Yogis und ihrer Wut in den sozialen Netzwerken? Nicht nur, dass man sich beim Asanas üben keinen Gin Tonic mehr kredenzen darf, nein, kürzlich hat sich wieder jemand explizit darüber echauffiert, dass Yogaklamotten wie Sportklamotten aussähen. Hä? Natürlich tun sie das, weil die meisten Leute sich bei sportlicher Betätigung (z.B. Asanas) in sportlicher Kleidung wohlfühlen. Und ja: In Indien tragen wahrscheinlich die wenigsten „echten“ Yogis Spandexleggings und bauchfreie Tops beim Yoga üben. Aber denen ist es wohl relativ egal, wie man in München auf die Matte geht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die sich im Internet darüber auslassen. Überhaupt: Gibt es etwas Oberflächlicheres als die Outfits anderer Leute zu bewerten?

Es bleibt körperlich.

Die Reise, auf die man seinen Körper als Yogi mitnimmt, passiert sowieso unterhalb der Textilschicht. Nicht nur im Körper, aber eben auch dort. Seit ich Yoga praktiziere, habe ich meine sterbliche Hülle regelrecht umgebaut: Plötzlich fehlen Muskeln, wo vorher welche waren, dafür sind an – teilweise überraschenden – anderen Stellen neue gewachsen. Auch meine Körperhaltung hat sich (zum Glück endlich) verbessert. Wenn man die Schulzeit mitrechnet, sitze ich jetzt seit 35 Jahren fast täglich am Schreibtisch und mein Mattengeturne hilft mir, der Buckelbildung entgegen zu wirken. Sogar die Knochen verändern sich mit der Zeit durch Yoga angeblich: Da, wo sie stärker beansprucht werden, verdicken sie sich. Und auch ganz außen am Körper zeigen sich yogische Mutationen: Raue Haut an Knien und Knöcheln zeugen von regelmäßigem Mattenkontakt.

Auch die Ungläubigen trifft es.

Unser Fleisch und Blut (und Knochen und Knorpel) sind aber nur „Kollateralschäden“ im Mutationsprozess durch Yoga. Denn die wahre Veränderung geschieht im Geist. Und das ist ja nichts Neues. Aber seit ich unterrichte (das ist ja immerhin was Neues) hat sich mein Standpunkt dazu nochmal geändert. Ich will und kann von meinen SchülerInnen nicht erwarten, sich dieser inneren Veränderung gegenüber zu öffnen. Für mich ist es wirklich in Ordnung, wenn jemand zum Yoga geht, weil er sich körperlich in Form halten will. Und das gerne auch in Sportklamotten (s.o.). Vielleicht macht es ja trotzdem irgendwann mal „Klick“ und es passiert doch was im Kopf. Vielleicht auch nicht. Aber die Person ist deshalb für mich kein schlechterer Schüler, nur weil sie sich ihrer Chakren nicht bewusst ist. Yoga ist ein Angebot und zwar ein Angebot an alle. Und jeder darf sich daran nach seinem Appetit bedienen. Wer hat denn jemals bestimmt, dass wir einander in Sachen spiritueller Entwicklung Vorschriften machen sollen?

Yoga, eine dynamische Praxis.

Yoga ist – das lernen wir in der Ausbildung – eine Praxis, die schon seit Jahrtausenden gleich funktioniert. Und – das verschweigen wir gerne – sich ständig verändert. Früher wurde die yogische Lehre nur im kleinen Kreis mündlich weiter gegeben. Jetzt gibt es Videos, Apps und Smart Watches und was weiß ich noch alles. Früher war Yoga den Männern vorbehalten, jetzt sind sie (zumindest außerhalb Indiens) stark unterrepräsentiert. Und – um noch ein letztes Mal auf die Outfit-Frage zurück zu kommen: Vielleicht hat man früher keine Leggings getragen, weil es einfach keine gab? Die Welt verändert sich seit ihrer Entstehung und durch Mutation gelingt es Pflanzen und Tieren, sich diesen dynamischen Bedingungen anzupassen. Um nicht auszusterben. Und Yoga muss meiner Meinung nach auch im steten Wandel bleiben. Zumindest in der Ansprache nach außen hin. Denn nur so kann Yoga auch die nächsten 20 Trilliarden Jahre Menschen mit auf die Reise nehmen. Natürlich muss nicht jeder Yogi alles mitmachen. Mutation kann immer auch eine Sackgasse sein und jeder muss selbst fühlen, wo er sich hin entwickeln will. Aber Stillstand ist in dieser dynamischen spirituellen Praxis mit Sicherheit keine Option. Also bleiben wir lieber im Fluss. Namaste.

PS: Die schöne Ohmeee Dharma Yogahose, die ich auf den Bildern trage, gibt’s bei BeeAthletica.

Fotos: Liza Meinhof

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